Stoffe und Stickereien
Im Zyklus der Geschichten des heiligen Franziskus spielen Textilien eine grundlegende Rolle. Schon ein Blick aus der Nähe zeigt, dass Giotto Behängen und Verkleidungen dieselbe Aufmerksamkeit widmet wie Gesichtern und Architektur.
Die höchstauflösenden Bilder machen dies auf überraschende Weise sichtbar: Geometrische Motive, Rosetten, Flechtmuster und dekorative Folgen füllen die Oberflächen mit großer Präzision und zeichnerischer Freiheit.
Beim Vergleich dieser Details fällt das Gleichgewicht zwischen Beobachtung und Erfindung auf. Einerseits studiert Giotto reale Stoffe und gibt ihre Beschaffenheit, ihr Gewicht, ihren Fall und ihre Spannung wieder. Andererseits schafft er dekorative Flächen mit eigener grafischer Kraft aus Rhythmus, Wiederholung und Variation.
Gerade diese Verbindung lässt sie so gegenwärtig wirken. Manche Muster scheinen aus der Nähe Bildprinzipien vorwegzunehmen, die wir heute mit Design verbinden: wiederkehrende Module, sich ausbreitende Muster und Geometrien, die eine Fläche aufbauen.
Der Raum, den Behänge schaffen
In der Bestätigung der Ordensregel und der Predigt vor Honorius III. gestaltet Giotto zwei ähnlich aufgebaute Innenräume. Ein starkes architektonisches Gerüst und raumabschließende Behänge bestimmen sie. Architekturlinien und Textilflächen wirken zusammen, um die Szene zu ordnen.
Der Innenraum der Bestätigung der Ordensregel wirkt fest und feierlich. Die auf Konsolen ruhenden Gewölbe gliedern ihn mit einer Klarheit, die sich auch in der Anordnung der Figuren zeigt. Unter dieser Architektur sind die Wände jedoch vollständig mit einem großen verzierten Behang bedeckt, der sich über den gesamten Hintergrund spannt.

Dieser Stoff ersetzt faktisch die Wand. Rote Kreise und blaue Kreuze bilden einen durchgehenden, geschlossenen Hintergrund. Das dichte, wiederholte Muster erzeugt eine gleichmäßige Fläche, die die Figuren hervorhebt und dem Raum Maß gibt. Die Architektur bestimmt die obere Struktur, der Stoff aber kontrolliert den Bildraum auf Höhe der Figuren.
In der Predigt vor Honorius III. wird dieser Aufbau noch deutlicher. Der Saal öffnet sich unter sternförmigen Kreuzgewölben auf schlanken Säulen. Ein Wandbehang mit eleganten Kreismotiven belebt die Szene zusätzlich. So wirkt der Raum zugleich gesammelt und prachtvoll, der Anwesenheit von Papst und Hof angemessen. Die Stoffornamente und der verzierte Thron zeigen den Rang des Ortes und stärken seinen institutionellen Charakter.
Die Behänge gestalten den Raum mit. Sie schließen die Wände, bündeln den Blick und halten die Handlung in einem kontrollierten, feierlichen Innenraum.

Textilien als Zeichen von Privatheit und häuslichem Raum
In anderen Szenen der Franziskusgeschichten schaffen Textilien geschützte Räume, besonders wenn die Erzählung die Öffentlichkeit der Stadt oder die Monumentalarchitektur verlässt. In Träumen, Visionen und Erscheinungen schließen Vorhänge und Behänge den Raum ab und trennen ihn von der übrigen Welt.
Besonders deutlich wird dies im Traum Innozenz’ III. und im Traum vom Palast. Bett, zugehörige Stoffe und Hintergrundflächen markieren die Grenzen des privaten Innenraums. Die Vision wird in einem geschützten Zimmer isoliert, gleichsam von seinen Vorhängen zusammengehalten.


Bei der Erscheinung vor Gregor IX. geht dieses Prinzip noch weiter. Das Innere wird fast vollständig durch Textilverkleidungen und den Baldachin bestimmt, die die Wände bedecken und die Szene um das Bett verdichten. Die Behänge öffnen den Raum nicht, sondern machen ihn elegant und prachtvoll — passend zu einem Ereignis im Privaten.
In diesen Szenen wirken Stoffe beinahe wie eine weiche Architektur, die den Raum mit eleganten Ornamenten begrenzt.

Die architektonische Rolle des Stoffes
Ohne diese Textilien verlören viele Szenen einen wichtigen Teil ihres Aufbaus.
Sie schließen die Innenräume, geben den Umgebungen Maß und schaffen einen nie neutralen Hintergrund. Sie vermitteln gesellschaftlichen Rang, Kontext und die Art des Raumes, in dem wir uns befinden.
Gerade die Nahsicht auf diese Details zeigt, wie sehr Giottos Arbeit auf der Oberfläche der Materie beruht: auf scheinbar nebensächlichen Elementen, die tatsächlich das gesamte Bild zusammenhalten.