PRESERVING ASSISI

Giottos Städte: zwischen realer Architektur und gestalteten Räumen

Bei Giotto spielen die heiligen Geschichten nicht mehr in unbestimmten Räumen, sondern mitten in der Stadt. Plätze, Gebäude und Türme werden zu Zeichen eines wiedererkennbaren, sorgfältig gestalteten Ortes. Franziskus’ Geschichte ist so in der realen Welt verwurzelt und entfaltet sich in Räumen des alltäglichen Lebens.

Die Stadt verändert sich mit der Erzählung und übernimmt je nach dem, was sichtbar werden soll, eine andere Rolle.

Assisi: die reale Stadt

Die Huldigung des einfachen Mannes spielt auf dem zentralen Platz von Assisi, an einem Ort, den damalige wie heutige Betrachter erkennen können. Der Minervatempel und der Kommunalpalast mit seinem Turm verorten die Episode im Herzen der Stadt.

Dieser Ausgangspunkt ist wichtig, denn Franziskus gehört hier noch ganz zur städtischen Welt. Er überquert den Platz als junger, in das Stadtleben eingebundener Bürger von Assisi. Genau dort vollzieht sich die namensgebende Geste: Ein einfacher Mann breitet seinen Mantel vor ihm aus und erkennt als Erster etwas, das die anderen noch nicht sehen.

Bei der Huldigung des einfachen Mannes rahmen Gebäude und eine Vorhalle Franziskus und den knienden Mann ein.

Die Architektur ist ein zentraler Bestandteil der Szene. Sie macht den Platz zu einer realen Umgebung, deren Gebäude einen glaubhaften städtischen Hintergrund für die Handlung bilden. Einzelheiten wie die vorspringende Galerie rechts verstärken die körperliche Präsenz der Gebäude, ohne der Geste vor den Augen der Passanten ihre Bedeutung zu nehmen.

In diesem Umfeld erscheint ein kleines, aufschlussreiches Detail: ein zum Trocknen aufgehängtes Tuch am Kommunalpalast. Schon dies verringert den Abstand zwischen Bild und Wirklichkeit. Der Platz wirkt nicht idealisiert, sondern belebt durch die kleinen, gewöhnlichen Handlungen des Alltags.

Eine von Balken gestützte, überdachte Holzgalerie ragt aus der Fassade.Ein helles Tuch hängt an einer Stange vor den Fenstern eines Gebäudes.

Der Platz: öffentlicher Raum und Konflikt

Beim Verzicht auf den irdischen Besitz bleibt der Schauplatz die Stadt, doch seine Funktion verändert sich. Der Platz wird zu einem exponierten Ort unter den Augen aller. Franziskus’ Handlung geschieht vor der Gemeinschaft in einem Raum, der sie unweigerlich öffentlich macht.

Die Gebäude wirken wie Theaterkulissen: Sie rahmen die Handlung ein und heben sie hervor. Sie öffnen sich, treten in den Raum vor und suggerieren Tiefe. In der Höhe bilden sie gegliederte Volumen aus geschlossenen und offenen Teilen, etwa bei der von einer Säule getragenen Terrasse rechts.

Beim Verzicht auf den Besitz trennen die Gebäude die Gruppe des Vaters von Franziskus und dem Bischof.

Auch Unsicherheiten im Raumaufbau, wie die Außentreppe links mit ihren nicht ganz ausgerichteten Stufen, zeigen, dass perspektivische Folgerichtigkeit nicht das Ziel ist. Alles dient dazu, eine städtische Bühne für das Geschehen zu schaffen.

Innerhalb dieser Struktur tritt der Konflikt klar hervor: auf der einen Seite der Vater, auf der anderen Franziskus und ringsum die beobachtende Stadt. Der Raum verstärkt die Spannung und zeigt sie in einer für damalige Betrachter wiederum vollständig erkennbaren Umgebung.

Überdachte Außentreppe mit verziertem Geländer vor einem roten Gebäude.

Arezzo: die Stadt als Masse

Bei der Vertreibung der Dämonen aus Arezzo verändert sich der Aufbau erneut. Die Stadt verdichtet sich zu einem engen Gefüge aus Türmen, Häusern und benachbarten Baukörpern, die eine einzige pastellfarbene Masse bilden.

Die Stadt ist innerhalb ihrer Mauern versammelt, die ihre Grenze nachdrücklich markieren. Türme und Gebäude überlagern und verzahnen sich ohne Zwischenräume. Die Formen scheinen beinahe die kubistischen Experimente des 20. Jahrhunderts vorwegzunehmen: Die Gebäude werden nach einer Logik der Verdichtung zusammengefügt.

Zinnenmauern, Türme und bunte Häuser Arezzos mit fliehenden Dämonen über der Stadt.

In dieser Masse erscheinen außergewöhnliche Details: Balkone, hölzerne Galerien, Gerüste und aufgehängte Glocken mit deutlich sichtbaren Seilen. Manche Türme zeigen provisorische Strukturen, als seien sie noch im Bau; andere besitzen funktionale Elemente wie Winden oder Plattformen. Es sind Zeichen einer Stadt im Aufbau, eng innerhalb ihrer Grenzen versammelt.

Über diesem kompakten Raum bewegen sich die Dämonen, durchqueren ihn und versetzen ihn in Unruhe, während Bruder Silvester unten die befreiende Geste vollzieht.

Die Architektur macht hier die durch franziskanische Predigt erreichte Befreiung spürbar. Die Stadt wirkt in ihren Mauern zusammengedrängt, während sie von den Dämonen befreit wird. Diese Spannung durchzieht den gesamten Raum. Gerade die Verdichtung macht den Sinn der Erzählung sofort verständlich.

Holzplattform um die Spitze eines Turms bei der Vertreibung der Dämonen aus Arezzo.Eine Glocke hängt an einer Holzkonstruktion über einem Dach in der gemalten Stadtansicht Arezzos.

Städte, die sich mit der Erzählung verändern

Für Giotto ist die Stadt nie bloß Hintergrund. Sie kann präzise und wiedererkennbar sein, wenn die Erzählung an die Wirklichkeit heranrücken soll. Sie kann zum Ort öffentlicher Auseinandersetzung werden, wenn eine Handlung vor aller Augen geschieht. Und sie kann sich verdichten, um eine umfassendere Spannung sichtbar zu machen.

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