Giottos Gesten: Hände und Körper erzählen
In den Geschichten des heiligen Franziskus machen Giottos gemalte Gesten die Erzählung unmittelbar verständlich.
Hände, die zeigen, reichen, festhalten, sich öffnen oder schließen, verdeutlichen den Sinn der Handlungen. Durch diese Gesten erhält die Heilsgeschichte eine konkrete Dimension.
Die Huldigung des einfachen Mannes: eine vorausweisende Geste
In der Huldigung des einfachen Mannes konzentriert sich alles auf eine kleine Bewegung. Der Mann beugt sich und breitet seinen Mantel vor dem vorbeigehenden Franziskus aus. Die Geste entsteht von unten und bleibt im Raum des Platzes für sich, ohne die anderen einzubeziehen.
Aus der Nähe wird das Verhältnis zwischen dem sich senkenden Körper und dem sich öffnenden Stoff deutlich. Die Hände begleiten die Bewegung, breiten den Mantel aus und legen ihn auf den Boden.
Die Geste nimmt die Erzählung vorweg, denn Franziskus ist hier noch Teil des städtischen Lebens. Er hat seine Entscheidung noch nicht getroffen, und die Menschen um ihn herum verhalten sich wie gewöhnliche Passanten. Der Mann mit dem Mantel sieht etwas früher als die anderen und handelt danach: Das Kommende ist hier bereits gegenwärtig und wird in seiner Geste deutlich.

Die Mantelspende: die Geste der Übergabe
Bei der Mantelspende konzentriert sich die Geste auf den Berührungspunkt zwischen den beiden Figuren. Franziskus reicht den Mantel; die ganze Bewegung entsteht beim Übergang des Gegenstands von einer Hand zur anderen.
Aus der Nähe spürt man das Gewicht des Mantels, den die Hände beider Hauptfiguren halten.
Der Mantel geht von einer Figur zur anderen über, und damit verändert sich auch Franziskus’ Rolle in der Geschichte. Er ist nun jemand, der eingreift und Bedürftigen unmittelbar hilft.

Der Verzicht auf den Besitz: die Geste als Gegensatz
Beim Verzicht auf den Besitz entsteht die Geste durch den scharfen Gegensatz zwischen Vater und Sohn.
Franziskus steht still, die Hände in innigem Gebet vereint, die Finger berühren sich ohne Spannung. Auch der Oberkörper bewegt sich nicht vorwärts und reagiert nicht. Alles bleibt gesammelt, als sei die Entscheidung bereits gefallen und bedürfe keiner Bekräftigung.
Auf der anderen Seite handelt der Vater mit dem ganzen Körper. Sein Arm wird zurückgezogen, während er nach vorn stürmen will. Genau dort wird die Bewegung in zurückgehaltener Spannung gebremst. Die Hand schließt sich, die Finger verkrampfen, das Handgelenk versteift sich. Der Körper folgt diesem Impuls, drängt vorwärts und sucht die Auseinandersetzung.
Die Szene lebt von diesem Unterschied: auf der einen Seite eine gesammelte, körpernahe Geste, auf der anderen eine ausgreifende Bewegung in den Raum. In den Einzelheiten von Arm und Hand wird dieser Gegensatz sofort erkennbar.



Die Vertreibung der Dämonen aus Arezzo: die wirksame Geste
Bei der Vertreibung der Dämonen aus Arezzo konzentriert sich alles auf eine einzige Geste. Bruder Silvester erhebt seine Hand zur Stadt; von diesem Punkt geht die gesamte Handlung aus.
Die Bewegung ist einfach und klar ausgerichtet. Der Arm hebt sich, die Hand öffnet sich und weist in eine bestimmte Richtung. Aus der Nähe erkennt man die Klarheit dieser auf unmittelbare Verständlichkeit angelegten Geste.
Über der Stadt reagieren die Dämonen auf die segnende Geste und fliehen. Die Bewegung verbindet das Geschehen unten mit dem Geschehen oben und hält die gesamte Szene zusammen.

Die Predigt vor Honorius III.: die Geste als Rede
Bei der Predigt vor Honorius III. erschließt die Geste die Beziehung zwischen Franziskus, dem Papst und den Kardinälen.
Franziskus steht und spricht. Besonders deutlich ist die rechte Hand: Der Daumen weist auf ihn selbst, während er das Wort ergreift. Der erhobene Finger macht kenntlich, wer spricht, und verstärkt die Rede. So kann die stumme Sprache der Malerei durch diese einfache Geste den Worten des Franziskus Kraft verleihen.
Ihm gegenüber reagiert der Papst mit einer ebenso klaren Geste.
Er sitzt nach vorn geneigt und stützt das Kinn auf den Rücken seiner behandschuhten Hand. Die Haltung zeigt Aufmerksamkeit und Konzentration: Der Körper ist gesammelt, der Blick auf Franziskus gerichtet. Die Prälaten ringsum reagieren unterschiedlich: Einige wirken beinahe schläfrig, andere beobachten. Diese Vielfalt macht das Zuhören sichtbar.
Auf der einen Seite steht die Geste, die das Wort einleitet und trägt, auf der anderen jene, die es aufnimmt und bewahrt. Durch dieses Verhältnis macht Giottos Malerei die Rede greifbar.



Die Stigmatisation: die empfangende Geste
Bei der Stigmatisation kniet Franziskus auf dem Felsen von La Verna, den Körper nach oben gerichtet.
Vor ihm erscheint Christus als Seraph. Von dieser Gestalt gehen Strahlen aus, die Hände, Füße und Seite treffen.
Franziskus’ Geste entsteht aus seiner Haltung. Der Körper neigt sich zurück, die Arme öffnen sich leicht, und die Hände sind den von Christus ausgehenden Strahlen ausgesetzt.
Die Geste folgt einer Diagonale, die die obere mit der unteren Figur verbindet. Alles läuft in den Händen und dem Körper des Franziskus zusammen, die die Wundmale empfangen.

Der Tod des heiligen Franziskus: die verteilte Geste
Beim Tod des heiligen Franziskus verteilt sich die Geste auf mehrere Figuren und konzentriert sich um den Heiligen.
Franziskus’ Körper bildet den Mittelpunkt. Die Brüder treten heran, und jeder vollzieht eine bestimmte Handlung.
Einer hebt die Hand des Heiligen und prüft die Wundmale. Ein anderer beugt sich und küsst das Mal am Fuß. Andere nähern sich dem Gesicht, um den Armen von Assisi ein letztes Mal zu sehen.
In den Details werden diese Berührungen deutlich: die Finger, die die Hand stützen, das herannahende Gesicht, der geneigte Kopf, der genauer hinsehen will. Jede Bewegung richtet sich auf Franziskus’ Körper und schafft eine körperliche Beziehung zu ihm.


Die Prüfung der Wundmale: die feststellende Geste
Bei der Prüfung der Wundmale dreht sich die gesamte Szene um eine sehr präzise Geste.
Ein Mann beugt sich über Franziskus’ Körper und untersucht die Seitenwunde. Er schiebt die Kutte zur Seite, führt die Hand heran und berührt die Wunde. Der Zeigefinger tastet nach Bestätigung.
Die Geste ist klar und unmissverständlich gestaltet. Sie bleibt nicht an der Oberfläche, sondern dringt in den Raum des Körpers ein und untersucht ihn. Die Brüder drängen sich um den Mann, und ihre Blicke sammeln sich an demselben Punkt.
Dieser Augenblick unterscheidet sich von anderen Szenen des Zyklus. Hier bedarf es einer Bestätigung. Das Zeichen am Körper wird vor den Augen der anderen geprüft: durch eine Geste, die sucht, berührt und das Geschehen sichtbar macht.
