Die Bilder, die die Gewölbekappen retteten
Das Erdbeben von 1997, die Fotokampagne für Mirabilia Italiae und die Wiederherstellung der Fresken der Oberkirche
In den 1990er-Jahren begann der Verlag Franco Cosimo Panini eine umfangreiche Fotokampagne in der Basilika San Francesco. Ziel war die systematische Dokumentation des monumentalen Komplexes, von den großen Freskenzyklen bis zu den schwer zugänglichen Details.
Nach dem Erdbeben vom 26. September 1997, das Gewölbekappen der Oberkirche einstürzen ließ, ermöglichten die zuvor aufgenommenen Fotografien den Restauratoren, Freskenfragmente zu erkennen und wieder zuzuordnen.
Für ein publizistisches und wissenschaftliches Vorhaben entstanden, wurden diese Bilder zu einem grundlegenden Werkzeug des Wiederaufbaus.

Vor dem Einsturz: ein Atlas der Basilika
Die von Franco Cosimo Panini Editore organisierte Fotokampagne war für den Band der Reihe Mirabilia Italiae über die Basilika San Francesco sorgfältig geplant worden.
Die Reihe ist ein anspruchsvolles Verlagsprojekt: Sie will einen Atlas der großen italienischen Denkmäler schaffen und diese vollständig in strenger topografischer Ordnung zeigen. Pläne, Bildunterschriften, Aufsätze und kunsthistorische Einträge begleiten die Bilder und ermöglichen es, jedes Detail zu verorten und im Zusammenhang zu verstehen. Zusammen vermitteln sie die Vielschichtigkeit des Denkmals, seiner Kunstwerke und der Beziehungen zwischen seinen Teilen.
Die Aufnahmekampagne für den Assisi-Band dauerte sechs Jahre. Dabei entstanden rund zweitausend Fotografien von Innen- und Außenräumen, Architektur und dekorierten Oberflächen.
Nur wenige Stunden vor dem Erdbeben waren gerade jene Gewölbe der Oberkirche fotografiert worden, die kurz darauf einstürzen sollten.

Der Einsturz der Gewölbekappen
Am 26. September 1997 erschütterte ein schweres Erdbeben Umbrien und die Marken. Teile der Gewölbekappen der Oberkirche stürzten ein und rissen die bemalten Flächen zu Boden.
In wenigen Augenblicken zerfielen Meisterwerke Giottos und Cimabues, die Millionen Besucher und Gläubige über Jahrhunderte bewundert hatten, in Hunderttausende Fragmente auf dem Boden der Basilika. Etwa 300.000 Stücke von nahezu 200 Quadratmetern Wandmalerei wurden geborgen.
VideoDie Erinnerung an die Gewölbekappen
Nach dem Einsturz begann eine geduldige, komplexe Arbeit. Die geborgenen Fragmente wurden gesammelt, katalogisiert, unterschieden und schrittweise den verschiedenen Teilen der Ausmalung zugeordnet. Die größte Schwierigkeit bestand darin, die ursprüngliche Position jedes Stücks in einem nicht mehr vorhandenen Ganzen zu erkennen.
Nun offenbarte das Bildrepertoire von Mirabilia Italiae sein ganzes Potenzial. Die Fotografien der Gewölbekappen wurden in Originalgröße ausgedruckt und dienten als Referenz für Formen, Farben und Details. So ließen sich mögliche Übereinstimmungen zwischen den Bildern vor dem Beben und den geborgenen Fragmenten finden.
Die Bilder gaben den Restauratoren eine konkrete Orientierung, um die zerbrochenen Meisterwerke wieder zusammenzusetzen.
„Entscheidend war die Fotokampagne von Panini vor dem Einsturz. Ihre Bilder wurden im Maßstab 1:1 gedruckt. Ohne sie hätten wir die Fragmente nicht wieder zusammensetzen können.“
Sergio Fusetti, leitender Restaurator der Basilika von Assisi in den Jahren des Erdbebens

Von der Fotografie zum Wiederaufbau
Die Wiederherstellung der Gewölbe war eine gemeinschaftliche Leistung von Restauratoren, Kunsthistorikern und Fachleuten, die an der Katalogisierung und Analyse der Fragmente arbeiteten.
Dieser Bildbestand erhielt damit einen Wert weit über die Publikation hinaus, für die er geschaffen worden war. Er wurde zu einer kostbaren Referenz bei der langen Arbeit, die Gewölbekappen wieder zusammenzufügen und die Basilika für die Öffentlichkeit zu öffnen.

Eine Geschichte, die weitergeht
Die nach dem Erdbeben mithilfe der Fotografien von Mirabilia Italiae geleistete Arbeit zeigte den Wert einer Dokumentation auf Grundlage genauer, verlässlicher Daten.
Preserving Assisi setzt diesen Weg heute mit neuen Werkzeugen fort. Dreidimensionale Raumvermessungen und Gigapixelaufnahmen der Freskenzyklen schaffen ein aktuelles Bildarchiv der Basilika. Es dient vertiefender Forschung und der Überwachung ihres Erhaltungszustands.
Vom Band der Mirabilia Italiae bis zur Plattform Preserving Assisi haben sich die Werkzeuge mit der Technologie entwickelt. Die Basilika wird jedoch weiterhin mit derselben Genauigkeit dokumentiert, damit dieses Wissen langfristig zur Erhaltung des Denkmals beitragen kann.

Der Vergleich der Bilder vor dem Erdbeben von 1997 mit jenen nach der Restaurierung erlaubt einen genauen Blick auf den Wiederaufbau der Gewölbekappen. Zwei Momente der Geschichte der Basilika stehen nebeneinander und zeigen, was verloren ging und was wieder zusammengesetzt werden konnte.
Die Heiligen Franziskus und Klara, Giotto und andere. Vor dem Erdbeben von 1997 (links) und nach der Restaurierung (rechts)
Die Heiligen Viktorinus und Rufinus, Giotto und andere. Vor dem Erdbeben von 1997 (links) und nach der Restaurierung (rechts)
Die Heiligen Antonius von Padua und Benedikt, Giotto und andere.
Vor dem Erdbeben von 1997 (links) und nach der Restaurierung (rechts)
Die Heiligen Petrus Martyr und Dominikus, Giotto und andere.
Vor dem Erdbeben von 1997 (links) und nach der Restaurierung (rechts)